Dienstag, 7. Juni 2022

Ein Grabmal für einen Penis? Ein Missverständnis.

 


Begriffe im Wandel von Ort und Zeit. Lokales vs. Globalisierung

Wanderer kommst du nach Köln und schlenderst über den wunderschönen Melatenfriedhof, so kann es geschehen, dass du vor einer  bestimmten Familiengruft ins Grübeln kommst. In zierlichen Lettern ist die als Grabstätte der Familie ‚King Size Dick‘ ausgewiesen. Dick das doch mittlerweile auch für Leser deutscher Zunge umgangssprachlich so viel bedeutet wie Schwanz oder hochsprachlich Penis. Nebenbei im Familiengrab finden sich auch weibliche Personen. Erste Vermutung: Hier  hat sich ein Pornodarsteller mit dem Alleinstellungsmerkmal sehr großer Penis öffentlich ein Denkmal gesetzt. Oder ein Zuhälter? Wie kann das sein einer traditionell katholischen Stadt? Ist das mit Zustimmung der Verwaltung und des Grünflächenamtes geschehen?

Ein Erklärungsversuch. King Size Dick ist der Künstlername eines in Köln weltberühmten Unterhaltungssängers, der seine Lieder gern in kölscher Mundart darbietet. Lokalkolorit eben. Und im Kölschen soll ‚Dick‘ - nicht eben brüllend originell - wohlwollend foppend eine überaus beleibte Person bezeichnen. Jener Dick lebt übrigens noch. Offenbar steht für den Künstler hier der lokale Referenzraum an Prio1 und nicht irgendwelchen  überregionalen, internationale Gepflogenheiten. Das ist ehrenwert für einen originär Kölner aber mitunter verwirrend. Schließlich darf die Familiengruft als Beispiel dienen, dass Namen, Begriffe hin und wieder ihre Bedeutung verlieren oder ersetzt bekommen. Wir erinnern uns. Vor einigen Jahren noch las man in der Anforderungsliste in Jobannoncen häufig, Kandidaten sollten ‚Querdenker‘ sein. Und heutzutage?  Man sieht, die Umwertungen machen keine Pause. Fälle gibt es zuhauf.

Montag, 30. Mai 2022

Kühe lieben und werden geliebt

 

Werbeplakate informieren über Dinge, die man so noch nicht wusste. ‚Köln liebt Kühe‘ weiß der Lieferdienst Gorillas. Und wirklich. Wer konnte in Köln noch nicht beobachten, dass, wenn sich so eine Kuh auf Straßenbahnschienen niedergelassen hat, der Fahrer vorsichtig abbremst und geduldig wartet, bis das Tier geruht, sich wieder zu trollen. Da wird nicht geflucht, geprügelt oder gehupt. Ein ähnliches 


Bild bei vielbefahrenen Kreuzungen. Kühe werden selbst in Elektronikabteilungen der Kaufhäuser zuvorkommend beraten und bedient. Das ist Alltag in der Domstadt. Die Fahrer von Gorillas wissen das, weil sie ständig in der Stadt unterwegs sind. So viel Rücksicht und tätige Liebe zahlt sich aus. Weiter heißt es auf dem Plakat: ‚Und Kühe lieben Köln:‘. Das ist folgerichtig. Zudem scheint ‚Gorillas‘ einen dementsprechenden Kuhzensus durchgeführt zu haben. Nun aber  gibt es einen Bruch in der Argumentationskette. ‚Ihr bestellt 50% mehr Hafermilch als Kuhmilch‘. Aufmerksame Plakatleser werden sich die Frage stellen: Falls der Trend zu Hafer-statt Kuhmilch anhält, die Kuhmilch eventuell zu vielleicht 80% durch Ersatzflüssigkeiten kompensiert wird. Was geschieht dann mit den Kühen?

In Deutschland gibt es derzeit etwa 380Tsd. Milchkühe. Topperformer unter ihnen produzieren ungefähr 10.000 Liter Milch p.a. . Selbst bei einer Substitutionsquote von 50% werden sehr viele von ihnen arbeitslos, ja überflüssig. Wenn sich das in der Kuhcommunity herumspricht, dann ist aber Schluss mit Liebe. Zudem: Wer bereits miterleben durfte, mit welcher disziplinierten  Freundlichkeit Kühe die weitgehend automatisierten Melkanlagen betreten, wird zu der Einschätzung gelangen, dass Milchkühe es durchaus als angenehm empfinden, beim Melken von der Milchlast im Euter befreit zu werden. Wie so oft muss man auch hier die Problematik vom Ende her betrachten. Also,  liebe Hafermilchtrinker, bedenkt das.

PS. Der Verfasser ist sämtlichen Milchvarianten gegenüber unverdächtig neutral. Er mag weder Kuh- noch Hafer-, noch Sojamilch.

 

Dienstag, 17. Mai 2022

Sag beim Abschied leise Boomer

 


Warum N. Blome in einer Spiegel Kolumne ( https://www.spiegel.de/politik/deutschland/zeitenwende-rueckwaerts-hoert-auf-die-boomer-kolumne-a-835e482e-12f0-47b9-a240-4d17121cb23c ) die Generationenkeule schwingt? Wahrscheinlich, weil er es kann. Wortreich vermutete er - kurz gesagt-, dass die Boomer im Unterschied zu den Nicht-Boomern Erfahrungen zusammengefegt hätten, die gerade in der gegenwärtigen Zeit der Krisendichte in Wirtschaft,  Gesellschaft, Politik von Wert seien. Dazu ein dieser Stelle ein langgedehntes Hmmmechtjetzt. Er hat anscheinend einen eher verkürzten Begriff von ‚Erfahrung‘. Erfahrung ist eben nicht die Gewissheit, mit der man stets das Gleiche immer wieder tun kann. Aus Erfahrung wächst Mut und Bereitschaft, das Gegebene auf den Prüfstand zu stellen, alternative Lösungen auszuprobieren und zu finden, nicht zuletzt um sich und andere nicht zu langweilen. Alles andere ist Routine, Routine im Aussitzen,  die nur vordergründig Sicherheit vorspielt, das Ewiggleiche repetiert.  Einige Routinen erscheinen durchaus gerechtfertigt. Etwa wenn Mann stets vor Verlassen der Wohnung den Hosenschlitz schließt. Toxische Routinen lassen sich gerade in der Arbeitswelt leicht finden: Augen und Ohren auf. Ersatzweise das Buch ‚Bullshit Jobs‘ von D. Graeber zur Hand nehmen. Es scheint, dass es diese toxischen, sinnentleerten Routinen sind, die gerade jüngeren Menschen übel aufstoßen. Viele dieser Routinen ließen sich sicherlich auch von gut dressierten Schimpansen ausführen. Jedenfalls bis der entsprechende Prozess komplett automatisiert ist. Aber selbst so ein Schimpanse braucht Konditionierung, Nahrung und Fürsorge. Zudem eine artgemäße Umgebung. Etwa Einkaufsmöglichkeiten oder kulturelle Bereicherung wie TV-Programme á la ‚Deutschland sucht den Superchimp‘ oder Sozialreportagen ‚ Das Verhängnis unserer Verwandten in Borneo‘. Das wird allerdings aufwendig und sehr teuer. Genug für den Moment. Nur noch eine Bitte: Falls mich jemand aus der geschätzten Leserschaft  treffen sollte, möge er mich mit einem ‚Hey (Ey) Boomer‘ ansprechen. Wie mag sich das anfühlen? Keine Ahnung.